Schon im Geschichtsunterricht haben wir gehört, dass uns das Gehen beim Denken unterstützt – spazierten, also gingen, doch die griechischen Philosophen mit ihren Schülern durch die Athener Wandelgänge und unterrichteten sie.

Und heute können wir uns fragen: Warum wird Gehen immer beliebter? Ist es nicht effektiver, sowohl was die zurückgelegten Distanzen als auch den Kalorienverbrauch betrifft, mit hoher Geschwindigkeit auf dem Rad durch die Landschaft zu fahren? Für viele Menschen sicherlich, aber immer mehr nutzen die Gelegenheit und gehen zu Fuß, auf Schuster Rappen, wie es in einem Lied heißt.

Die Gründe fürs Gehen sind vielfältig. Wenn wir zu Fuß unterwegs sind, nehmen wir vieles anders wahr:

Beim Autofahren und sogar noch beim Fahrradfahren müssen wir auf die anderen Verkehrsteilnehmer achten und die Verkehrsregeln beachten – wir konzentrieren uns auf alles um uns herum. Und die Landschaft saust an uns vorbei. Im Gegensatz zum Gehen: hier richten wir unseren Blick nach vorne, können unsere Gedanken schweifen lassen und lassen uns von der Landschaft und Natur inspirieren.

Gehen zu zweit hat einen besonderen Reiz! Dabei können wir intensive Gespräche führen und wenn wir mit der Partnerin oder dem Partner unterwegs sind, können wir uns anfassen und den anderen spüren. Beim „Händchenhalten“ können wir positive Gefühle und Verbundenheit ausdrücken – wie soll das beim Auto- oder Fahrradfahren gehen? So ganz nebenbei stärkt das auch unser Immunsystem.

Pausen, eine Rast oder sogar ein Picknick sind wunderbare „Unterbrechungen“ bei Gehen – man kann sie planen, vorbereiten und dann genießen! Packen Sie ein Taschenbuch oder einen E-Reader in Ihre Tasche – beim Lesen im Wald oder auf einer Wiese erleben Sie die Texte viel intensiver.

Gehen in der Natur vermindert unseren Stress und verlangsamt unseren Alterungsprozess. Studien haben gezeigt, dass wir unsere körpereigene Produktion des Moleküls Interleukin-6 selbst anregen können und sollten: Warum? Der Internist Dr. Ulrich Strunz schreibt darüber: „Es ist ein Botenstoff, ein Kurier, der Botschaften von einer Immunzelle zur nächsten trägt. Ohne dieses Molekül gibt es keine Reaktion des Immunsystems und somit keinen erfolgreichen Kampf gegen alt- und krankmachende Bakterien, Viren und Krebszellen.“

Und wie können wir Interleukin-6 aktivieren? Am einfachsten und schnellsten geht das mit einem Spaziergang – mit Gehen.

„Unsere Muskeln spucken die Moleküle dabei von ganz allein aus – weil sie bewegt werden“, so Dr. Strunz. Tägliches Gehen von 30 Minuten genügt, um die Interleukin-6-Konzentration im Körper um das Hundertfache ansteigen zu lassen.

Gehen unterstützt auch das Denken. Wenn es darum geht, Ideen zu entwickeln und Zusammenhänge zu erkennen, ist Stehen besser als Sitzen und Gehen besser als Stehen. Nie haben die Gedanken so viel Freiheit wie beim Gehen. Am besten fließen die Gedanken in der Natur oder in naturnahen Landschaften. Was hindert uns daran, täglich die Laufschuhe anzuziehen und uns „denkend fortzubewegen“?

Dabei entdecken wir nebenbei für uns unbekannte Blumen, Bäume … . Wenn wir hier noch eine App auf dem Smartphone „bemühen“ , die uns hilft, beim Abfotografieren uns unbekannter Pflanzen diese zu bestimmen und uns noch diverse weitere Informationen gibt, ist das nicht nur für Kinder lehrreich.

„Sportliche Aktivitäten“, so Prof. Martin Korte, promovierter Biologe und Leiter des Zoologischen Instituts in Braunschweig, „verbessern nicht nur generell die Durchblutung des Gehirns, sondern wirken sich im Besonderen auf die dem motorischen Cortex nahen Gehirnareale aus. Und genau in diesem Bereich des Gehirns sitzt das Arbeitsgedächtnis; das bedeutet: Wird der motorische Cortex aktiv, bekommt er mehr sauerstoffreiches Blut zugeteilt, und davon profitiert als ‘Mitnahme-Effekt’ auch das angrenzende Arbeitsgedächtnis.“

Auf alle Fälle stärkt Gehen unsere Gesundheit, hellt unsere Stimmung auf und sorgt für eine Klarheit unserer Gedanken.

Der irische Neurowissenschaftler Shane O‘Mara hat sich wissenschaftlich mit Gehen beschäftigt und ist ebenfalls ein leidenschaftlicher Geher. Er schreibt, und das fasst meine obigen Überlegungen und Gedanken zusammen: „Gehen ist eine Superkraft. Es

  • ist gut für unsere Muskeln und unsere Haltung
  • hilft, unserer Organe zu schützen und zu reparieren
  • verlangsamt den Alterungsprozess
  • vermindert Stress
  • hellt unsere Stimmung und hilft bei Depressionen
  • befördert unsere Kreativität
  • verbindet Menschen miteinander

Gehen ist das einfachste und beste Heilmittel für Körper und Seele.“

Ein kleiner Exkurs in die Geschichte. Durch Gehen haben wir Menschen die Erde erobert, von Afrika aus bis zum nördlichsten Zipfel der Erde. Dass Gehen schon immer wichtig war, sehen wir an der Konstruktion der Klöster, die ab dem Mittelalter entstanden. In jedem Kloster gab bzw. gibt es einen Kreuzgang, eine Möglichkeit zum Gehen. Der Kreuzgang diente in erster Linie dem Gebet und der Meditation, aber die Mönche konnten hier bei schlechtem Wetter an die frische Luft und sich bewegen, was ein großer Vorteil war.

Heute haben viele Menschen das bewusste Gehen verlernt. Wir sitzen 8 Stunden im Büro. Für das Dauersitzen ist unser Körper nicht konstruiert. Forscher sprechen schon darüber, dass das Sitzen das neue „Rauchen“ ist.

Hippokrates hat übrigens gesagt: „Gehen ist die beste Medizin“.

Und der französische Philosoph Jean-Jacques Rousseau schrieb: „Ich kann nur im Gehen denken; sobald ich Halt mache, ist es mit dem Denken vorbei und mein Kopf hält nur mit meinen Füßen Schritt.“

Gehen ist für mich eine Philosophie, eine Lebenseinstellung, eine Bejahung der Natur und sagt mir gleichzeitig, dass wir Menschen ein Teil der Natur sind. Wir sind nirgendwo der Natur so nah wie beim Gehen.